Wo ich herkomme, und wer ich bin

Ich bin 46 Jahre alt und wohne mit meiner Familie in Schöllkrippen .

Trotz anderslautender Gerüchte erblickte ich nicht in einem schöllkrippener Wochenbett das Licht der Welt, sondern wie so viele andere meiner Generation im Kreiskrankenhaus Alzenau-Wasserlos.
Meine Mutter konnte mir glaubhaft versichern, dass sie damals noch keine Ahnung von meinen politischen Ambitionen in Schöllkrippen hatte, da sie sonst sicher einer Hausgeburt im Oberen Kahlgrund zugestimmt hätte, um meine Chancen zu verbessern. Trotzdem wurde ich gut in die Ortsgemeinschaft aufgenommen.

Ich diente mich unter Pfarrer Eckert bis in die Spitze der Ministrantenschaft und lernte durch meine Tätigkeit als Sonntagsblattausträger und -kassierer die Geschichten der Kriegsgeneration kennen. Auch in den örtlichen Vereinen machte ich auf mich aufmerksam, zum Beispiel als fester Ersatzschwimmer der erfolgreichen Wasserwachtmannschaft und unangefochtener Eigentorkönig der SVS Jugend. Das Dorf und seine Umgebung lernte ich während meiner Grundschulzeit durch ausgedehnte Walderkundungen mit Baumhausbau auf dem Kalmus, gelegentliche Stauung des Betzenbachs sowie Höhlenbau am Reuschberg und der Alten Burg kennen. Durch meinen Opa Theo wurde ich außerdem regelmäßig als Bedienung in der Rodberghütte zwangsverpflichtet, was meiner Verbundenheit zur Heimat aber letztlich zugutekam.
Die sportlichen Gene meines Opas (er war in den ersten Jahren nach dem Krieg Spieler des SVS) habe ich leider, die seiner Alopecie (Haarausfall) zum Glück nicht geerbt. Was aber anscheinend weitervererbt wurde, ist eine etwas wunderliche Form des Humors, Opa war nämlich Begründer der Hofnarrentradition der KGS und ambitionierter Handstandläufer. Mit meinem Eintritt in die höhere Lehranstalt in Hösbach entfernte ich mich zumindest körperlich langsam von meiner Heimat.

Nach einigen Ausflügen in benachbarte Gemeinden und Städte, wohne ich jetzt seit zehn Jahren wieder in Schöllkrippen. Mitgebracht habe ich meine Frau Corinna, die ich unter Aufwendung aller Kräfte dem Dalberg in Aschaffenburg entreißen musste. Nach einigen Jahren, wohl angelockt durch das heimelige Wohnklima unseres Passivhauses, haben sich zwei weitere Mitbewohner eingefunden. Da sie sich recht ähnlich sehen, gehen wir davon aus, dass es sich um Zwillinge handelt. Der Vollzeitjob meiner Frau als Assistentin der Geschäftsführung bei Linde sowie meine hausmännischen Pflichten ermöglichen den Beiden, Zeit in der wirklich unglaublich tollen Pflege (sic ! ) des Gemeindekindergartens in Schneppenbach zu verbringen. Mein ältester Sohn wohnt in Würzburg und geht dort hoffentlich wie versprochen seinem Studium nach.

Neben meiner Tätigkeit als Hausmann arbeite ich als Tontechniker im ColosSaal in Aschaffenburg und studiere in meiner freien Zeit an der Fernuniversität in Hagen Psychologie mit meinem persönlichen Interessensschwerpunkt Sozial- und Gemeindepsychologie.
Meine Ausbildung zum Kaufmann hat mir in den Jahren meiner Selbständigkeit als Ton- und Veranstaltungstechniker geholfen und wird mir sicher auch in der Kommunalpolitik zugutekommen.
Ein weiterer Punkt, der mir nicht zum Nachteil gereichen wird, ist eine gewisse – wenn nicht sogar besonders ausgeprägte – Stress-​Resilienz, die ich mir in meinem Traumjob antrainiert habe. Wer ohne Vorwarnung das Konzert eines Weltstars wie Jimmy Cliff (yeah, Reggae Night) vor 20.000 Menschen steuern muss oder aufgrund ausgefallener Technik vor ausverkauftem Haus von der Bühne herab von Alannah Myles (ja, die mit Black Velvet) beschimpft wird, entwickelt unweigerlich einen entspannten Umgang mit Stress-Situationen.

Erhöhten Puls krieg eich heute nur noch aus Freude – wenn ich zum Beispiel mit Größen wie Jefferson Starship, Spencer Davis Group oder Motörhead arbeiten darf. Belohnt wurde ich dafür auch noch mit dem Kulturpreis der Stadt Aschaffenburg, der 2015 an das gesamte Team des Colos Saal ging.


Und jetzt bin ich hier in Johannesberg. Nasowas*

(* Das verstehen jetzt nur Main Echo Leser)